0604_Emmaus

 

Eine Globalisierung des Guten

Viele Pilger erinnern sich gerne an Besuche in Emmaus- Qubeibe. Mit einem ganz persönlichen Wort, geprägt von tiefer Dankbarkeit, beschreibt Schwester Hildegard Enzenhofer SDS die Situation in und um Emmaus- Qubeibe.

 

Liebe Mitglieder des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande!

 

Einen lieben Gruß an Sie alle aus dem Heiligen Land. Ich freue mich über die Möglichkeit, Ihnen auf diesem Weg von den Entwicklungen in Emmaus-Qubeibe berichten zu können. In den Medienberichten über den Nahen Osten ist wenig von Hoffnung die Rede. Nachrichten aus Emmaus dagegen zeugen vom Leben, das "trotz allem“ vorhanden ist, und von Menschen, die diesem Leben Raum geben und ihm mehr Aufmerksamkeit schenken, als den destruktiven Strukturen von Gewalt und Unterdrückung.

 

"Globalisierung des Guten“ – vielleicht überrascht Sie diese Aussage. Aber damit ist nicht jene Globalisierung gemeint, wie wir sie in den Wirtschafts- und Kommunikationssystemen unserer Zeit erleben und die viele Menschen in Unrecht und Verarmung führt. Ich denke an unsere salvatorianische Universalität, die uns aufruft, kein Land, keine Kultur, keine Tätigkeit und keine Religion von unserem Dienst auszuschließen.

Ich denke dabei an die gute Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande und dem Orden der Salvatorianerinnen. Ich denke dabei an Sie alle, die vielen Mitglieder, die unser Gutsein ermöglichen und unterstützen.

Unter dem Motto "Das Heilige Land als Auftrag“ feierte der Deutsche Verein im letzten Jahr sein 150-jähriges Jubiläum. Wir Salvatorianerinnen bereiten uns in einem weltweiten Prozess auf das Generalkapitel 2006 vor, das unter der Thematik "Salvatorianische Frauen – solidarisch – für Hoffnung und Leben“ stehen wird. Das sind Themen, die sich an der Realität, in der wir leben und wirken, orientieren.

 

"Frauen des Lebens und der Hoffnung sein“ ist die Grundhaltung von uns Salvatorianerinnen in Emmaus. Unsere Generaloberin Sr. Therezinha Rasera SDS schreibt dazu in ihrem Brief zur Einberufung des Generalkapitels: "Die Menschen, besonders die Armen, hoffen, dass wir Salvatorianerinnen 'Frauen der Hoffnung’ sind. Sie erwarten eine Hoffnung, die ihrem Leben Licht und Kraft spendet und sie befähigt, für die Anerkennung ihrer Würde und ein sinnvolles und glückliches Leben weiterzukämpfen.“

 

Wir, die wir in Palästina leben, sehen, dass das traditionelle Frauenbild in der arabischen Kultur, aber vor allem die Auswirkungen der israelischen "Sicherheitsmauer“ den Palästinenserinnen wenige Möglichkeiten geben, ihr Leben zu gestalten. In unseren Dörfern gibt es außer der Grundschule keine Ausbildungsmöglichkeit für sie. Der Zugang nach Jerusalem ist ihnen per Gesetz verboten. Und auch die Universitäten in den Palästinensergebieten scheinen durch Straßenblockaden und andere Schikanen meist unerreichbar. Somit ist die einzige Perspektive der meisten jungen Frauen die Ehe mit vielen Kindern.

 

Allein in unserem Dorf sind 65 Prozent der Menschen arbeitslos – Sie können sich vorstellen,

unter welcher Armut viele Familien leben.

 

Seit Jahren beschäftigt uns Salvatorianerinnen diese Situation. Von den Frauen wissen wir, dass sie studieren und selber Geld verdienen möchten. Dieses Potential möchten wir stützen und fördern.

Mit finanzieller Hilfe aus Saudi-Arabien wurde im letzten Jahr in Ramallah begonnen, das erste Kinderkrankenhaus in unserer Umgebung zu bauen. Das Berufsbild "Kinderkrankenschwester“ gab es in Palästina jedoch bisher noch nicht. So kamen Frauen zu uns und fragten uns, ob wir nicht eine Ausbildung in unserem Haus beginnen könnten.

Nach einer Zeit des Gebetes und der Reflexion mit dem Vorstand des Deutschen Vereines entschieden wir uns zu diesem gemeinsamen – für die Frauen lebensfördernden – Projekt. Dabei ist uns eine große Hilfe, dass die Bethlehem-Universität uns zusagte, den akademischen Teil dafür zu übernehmen. Sie ist ein weiterer Partner in der "Globalisierung des Guten“. Eine Bedarfsanalyse für dieses modellhafte Projekt – der Zusammenarbeit zwischen DVHL, den Schwestern Salvatorianerinnen und der Bethlehem-Universität – sowie einen vorläufigen Lehrplan reichten wir im Dezember 2005 beim Ministerium für Höhere Bildung in Ramallah ein. Dafür bekamen wir viel Anerkennung, und so, wie es aussieht, wird die offizielle Bewilligung bald folgen.

 

Seit Jahresbeginn arbeiten wir intensiv an den Schulräumen. Dabei wollen wir das über 100 Jahre alte Steinhaus (das frühere Kochhaus) in unserem Garten umbauen und vor allem für Unterrichts- und Lehrräume erweitern.

 

Noch sehr viel Arbeit haben wir vor uns. In sha Allah – wenn Gott will, so sagen die Araber, möchten wir Ende August mit einem "vierjährigen universitären Ausbildungslehrgang für Kinderkrankenschwestern mit Bachelor-Abschluss“ beginnen. Dieses Universitätsdiplom ist sowohl in Israel, als auch in arabischen Ländern und in Europa anerkannt.

Es ist ein Mühen, die Würde der Frau zu stärken, ihnen Bildung und Arbeitsmöglichkeit zu

geben. Nicht unerwähnt soll der finanzielle Aspekt sein. Wir haben (noch nicht fixe!) Zusagen für den Umbau und die Erweiterung des Hauses.

Die vierjährige Ausbildung braucht kräftige Unterstützung von Wohltätern, die sich der

"Globalisierung des Guten“ anschließen. Von der palästinensischen Regierung können wir kein Geld erwarten und die Menschen hier sind zu arm, um Schulgeld bezahlen zu können. Wir Salvatorianerinnen haben durch unseren Gründer P. Franziskus vom Kreuze Jordan ein tiefes Gottvertrauen geerbt. Täglich beten wir am Beginn des Tages für unser Projekt SEIN Gebet und bitten um seine Hilfe:

"Herr Jesus Christus, Heiland der Welt, erleuchte und entzünde mein Herz, dass meine Schritte wie das Morgenlicht werden, das kommt und hineinwächst in die Fülle des Tages…“

 

So hoffen und vertrauen wir, dass unser neues, gemeinsames Projekt wie die Hoffnung des

Morgenlichts nach einer langen, leidvollen Nacht für die Menschen werde.

 

In großer Dankbarkeit grüßen Sie

 

Ihre Sr. Hildegard Enzenhofer SDS

und die Schwestern Salvatorianerinnen aus Emmaus-Qubeibe